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Metropolregion Nürnberg – Fakt oder Fiktion?

1. Juni 2009

Seit dem Jahr 2005 zählt jeder, der zwischen Würzburg, Hof und Weißenburg-Gunzenhausen wohnt, zur Metropolregion Nürnberg. Das sind immerhin 3,5 Millionen Menschen, davon 1,7 Millionen Erwerbstätige und 150.000 Unternehmen.

Die Webseite der Metropolregion meint dazu:

Als zukunftsweisendes Zentrum Europas hat die Metropolregion Nürnberg auch international eine große Bedeutung. Sie ist Motor unterschiedlichster Entwicklungen, sowohl in sozialer und gesellschaftlicher Hinsicht, als auch auf kultureller, wirtschaftlicher und technologischer Ebene.

Ok, macht Sinn bei einer Metropolregion. Nun stellt sich die Frage, ob dieses Label in Europa auch wirklich von derlei Relevanz ist. Deshalb wollen wir mal die Bereiche Wirtschaft, Verkehr, Bildung und Kultur beleuchten.

Mit der Wirtschaft sieht es in Nürnberg, respektive dem Zentrum der Region, schonmal wenig gut aus: Arbeitsplätze am Fließband werden heute und sicher auch morgen nicht mehr, sondern weniger. Das nennt sich Strukturwandel und von dem ist Nürnberg als “Arbeiterstadt” demnach stark betroffen. Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) hat sein Bestes gegeben Nürnberg in einen Dienstleistungsstandort zu verwandeln, mit knapp 10% Arbeitslosigkeit und immer noch 80% aller Beschäftigungen in der Industrie ist ihm das aber nicht gelungen.

Nürnberg ist eine Hochburg für Logistik, Informationstechnologie und Druck, angesichts der Tatsache aber, dass es nur elf ganze Metropolregionen in Deutschland gibt, ist das eigentlich ziemlich mickrig. Peinlich, dass Firmen wie Grundig, AEG oder MAN die Stadt verlassen haben.

Dienstleistung? Ja, das gibt es in Nürnberg. Gfk (Marktforschung), Sellbytel (Call-Center) und die Nürnberger Versicherung sind national anerkannte Unternehmen. Zwei von den dreien stellen jetzt aber an ihre Arbeitnehmer keine wirklich größeren Anforderungen als das die Bedienung eines Fließbandes auch tun würde. Das klingt zwar hart, ist aber nun mal richtig.

Hochtechnologie- oder IT-Unternehmen finden wir allenfalls in München. Leider.

Im Bereich Verkehr kann Nürnberg gut punkten: Mit mindestens vier wichtigen Autobahnen macht Nürnberg im Herzen Europas eine gute Figur, gerade die EU-Osterweiterung spielt hier maßgeblich mit rein. Im Öffentlichen Vekehr sieht die Bilanz ähnlich gut aus: Mit einem internationalen Airport sowie einer ausgezeichneten Schienenanbindung Nürnbergs (eine Stunde nach München beispielsweise) macht der Stadt hier keine andere so schnell ein X für ein A vor. Im ÖPNV (also im Nahverkehr) sieht das jedoch ganz anders aus. Während der Verkehr innerhalb der Städte tadellos und effizient arbeitet, fahren im “Speckgürtel” Nürnbergs kaum noch S- oder Regionalbahnen. Auch Busverbindungen sind unweit der Stadtgrenze allenfalls stündlich getaktet und fahren bis maximal 20 Uhr. Von Wochenenden ganz zu schweigen.

Die Bildung ist in der Metropolregion nicht von schlechten Eltern. Mit zehn Universitäten und Fachhochschulen schlägt sich die Region deutschlandweit ganz wacker. Es scheint nebensächlich, die Tatsache aber, dass die wirtschaftlichen Fakultäten europa- wie deutschlandweit keinen herausragenden Ruf genießen, zeigt abermals, dass Nürnberg mittelfristig keine Spitzenposition einnehmen wird und kann. Elite-Internate für Hochbegabte oder Hochbetuchte gibt es damit selbstredend auch nicht. Davon mal abgesehen sind die Bildungschancen in der Metropolregion gut, wenn auch nicht besser als im bayerischen Mittel.

Heikel wird es mit der Kultur, sind die Franken doch in anderen Teilen Deutschlands eher als kulturloses Völkchen bekannt. Das Kulturangebot von Nürnberg oder Erlangen kann auch anspruchsvollere Gemüter halbwegs befriedigen (Oper, Theater, Nürnberger Symphoniker, elitäre Lesezirkel, Freimaurerlogen), doch jenseits von ein paar Kirchweihen oder Volksfesten bietet die Metropolregion herzlich wenig. Ab 20 Uhr kann man sagen, werden die fränkischen Gehsteige hochgeklappt. Und das ist auch durchaus so gewünscht: Flatrate-Partys oder vergleichbare Angebote werden beispielsweise von der Nürnberger Stadtverwaltung rigoros ausgebremst, völlig unabhängig von der Frage ob man solche Probleme auch anders hätte lösen können. Schade, dass machen andere Städte besser.

Die Bilanz sieht also durchwachsen aus: Während die Bereiche Bildung und Verkehr durchaus überzeugen, tun es andere nicht wirklich. So ist das Bild das Nürnberg bei mir hinterlässt zwar dem einer Großstadt, nicht aber dem einer Metropole, würdig.

(Im Übrigen hört die Wikipedia-Liste mit den größten Metropolregionen der Welt beim Platz 200 auf – ohne Nürnberg.)

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3 Kommentare leave one →
  1. René permalink
    5. April 2010 20:54

    toller beitrag, nur leider kam seid dem nix neues… 😦

    soll der Blog in naher zukunft mal wieder aufleben?

    Gruß
    René

  2. Christian permalink
    30. April 2010 22:59

    Eine Fortsetzung möge folgen!

    Ahoi

  3. Michael permalink
    30. Mai 2010 23:39

    Ja, guter ehrlicher Artikel. Würde auch gern mehr vom Autor lesen. Was soll aus dem Blog werden?

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